
Teil 3 – Neue Berufsbilder: Duales Pflegestudium APN

Wie gelingt der Brückenschlag zwischen Pflegepraxis und Wissenschaft? Im Interview berichtet Pflegewissenschaftlerin Vanessa Vater von ihrem Weg in die NeuroIntensivmedizin und erklärt, wie evidenzbasierte Pflege, klinische Erfahrung und Forschung gemeinsam zu einer Versorgung auf höchstem Niveau beitragen.
Teil 1 – Akademisierung in der Pflege – Erfahrungen einer APN Critical Care
Teil 2 – Ausbildung in der Neurointensiv-Pflege
Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Professor Matthias Klein, Präsident DGNI
Interview mit Vanessa Vater, Pflegewissenschaftlerin NeuroIntensivmedizin: Evidenzbasierte Versorgung auf hohem Niveau
Duales Pflegestudium einer Advanced Practice Nurse in der NeuroIntensiv-Pflege
Vanessa Vater
Pflegeentwicklung
Was international gut funktioniert, wird auch in Deutschland immer mehr praktiziert: die akademische Ausbildung zur Pflegewissenschaftlerin und Advanced Practice Nurse (APN). Wenn klinische Erfahrungen des Teams und evidenzbasiertes wissenschaftliches Arbeiten zusammenkommen, kann sich pflegerisches Handeln an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen ausrichten. Das kommt den Patient:innen zugute, betont Vanessa Vater, Pflegewissenschaftlerin Neuro-Intensivmedizin und Neurochirurgie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main.
Sie sind klinisch tätige Pflegewissenschaftlerin auf einer neurologischen/neurochirurgischen Intensivstation. Eine ganz besondere Ausbildung, was steckt dahinter?
Vanessa Vater: Den Weg der akademischen Qualifikation zur Pflegewissenschaftlerin und zur Advanced Practice Nurse (APN) gibt es mittlerweile seit über zehn Jahren. Ganz neu ist dieser Weg also nicht mehr. Dennoch hat es einige Zeit gebraucht, bis diese Rolle und die damit verbundenen Kompetenzen in der klinischen Praxis stärker wahrgenommen und aktiv genutzt wurden. Ich habe 2017 ein duales Pflegestudium begonnen. Parallel zur Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpflegerin habe ich an der Hochschule studiert. Das bedeutete etwas weniger Präsenzzeit in der praktischen Ausbildung bei zusätzlichen Vorlesungen. Nach dem Examen folgten noch eineinhalb Jahre Vollzeitstudium, bis ich meinen Bachelor of Science in Pflege abgeschlossen hatte. Während des Studiums hatte ich ein Modul zu Advanced Practice Nursing, das mein Interesse besonders geweckt hat. Die Verbindung aus evidenzbasiertem Arbeiten und direkter Patient:innenversorgung war genau das, was ich gesucht habe. Häufig wurde ich mit der Annahme konfrontiert, ich würde studieren, „um vom Bett wegzukommen“. Tatsächlich war es für mich genau das Gegenteil. Ich habe studiert, um die Patient:innenversorgung nicht nur direkt am Bett, sondern zusätzlich auf einer weiteren, wissenschaftlich fundierten Ebene mitzugestalten und zu verbessern.
Direkt nach dem Bachelor habe ich den Master in Advanced Practice Nursing absolviert. Noch vor meinem Umzug in eine neue Stadt für den Master habe ich mich auf eine Stelle als Pflegepraxisentwicklerin in der Neurologie/Neurochirurgie beworben. Diese Rolle ist eine von zwei Masterrollen in der Pflege an der Universitätsmedizin Frankfurt. Zu diesem Zeitpunkt gab es dort noch keine Stellenangebote als APN. Die Rolle der Pflegepraxisentwicklerin unterscheidet sich von der APN-Rolle: Während APNs meist auf ein bestimmtes Patient:innenklientel oder ein spezifisches Pflegephänomen spezialisiert sind, ist die Pflegepraxisentwicklung fachbereichsbezogen ausgerichtet. Zudem verlangt diese Rolle vertiefte Kompetenzen im wissenschaftlichen Arbeiten, in der Praxisentwicklung, in der Implementierungswissenschaft und in der Forschung. Ich arbeite derzeit zu 60 % in der Stabstelle Pflegewissenschaft und Praxisentwicklung und zu 40 % in der direkten Patient:innenversorgung auf der Neuro-Intensivstation. Im Verlauf des Masters und durch meine Tätigkeit als Pflegepraxisentwicklerin wurde mir immer deutlicher, dass mein fachlicher Schwerpunkt in der Pflegewissenschaft liegt. Ich möchte meine Forschungskompetenzen weiter vertiefen, Studien planen, durchführen und evaluieren und gleichzeitig meine praktischen Kenntnisse in der neurologischen und neurochirurgischen Intensivpflege weiter ausbauen.
Sie haben sich mit einem wissenschaftlichen Masterabschluss in Pflege besonders qualifiziert. Was ist das Besondere daran, als akademisierte Pflegefachperson in einem hochspezialisierten neurologisch-neurochirurgischen Fachbereich tätig zu sein?
Vanessa Vater: Das Besondere an meiner Tätigkeit ist, dass ich das Beste aus zwei Welten miteinander verbinden kann: die unmittelbare Patient:innenversorgung, die mir nach wie vor große Freude macht, und die Pflegewissenschaft, die mich fachlich immer wieder herausfordert. Gerade in einem so hochspezialisierten Bereich wird deutlich, wie wichtig diese Verbindung ist. Die klinische Praxis wirft ständig neue Fragen auf, und die Wissenschaft bietet die Möglichkeit, diese Fragen systematisch zu betrachten, einzuordnen und weiterzuentwickeln. Dadurch entsteht für mich eine Tätigkeit, in der keine Langeweile aufkommt. Jede Woche lerne ich etwas dazu – fachlich, methodisch und auch im Umgang mit Veränderungsprozessen. Schön, aber manchmal auch herausfordernd, ist die Vielfalt der Rollen, die in einer Person zusammenkommen: Gesundheits- und Krankenpflegerin, Pflegewissenschaftlerin, Projektmanagerin und Dozentin. An einem Tag mobilisiere ich eine Patientin zum ersten Mal an die Bettkante, am nächsten Tag stehe ich auf einem Kongress und darf zu einem pflegewissenschaftlichen Thema referieren. Genau diese Spannbreite macht die Tätigkeit für mich besonders. Sie hält mich nah an der Praxis und eröffnet gleichzeitig die Möglichkeit, Pflege fachlich und wissenschaftlich weiterzuentwickeln.
Was hat die Rolle der Pflegewissenschafterin zu bieten? Was macht für Sie den besonderen Reiz dieser Tätigkeit aus?
Vanessa Vater: Der besondere Reiz meiner Rolle liegt darin, die Brücke zwischen Wissenschaft und klinischer Pflegepraxis zu schlagen. Wissenschaftliche Erkenntnisse allein verändern noch keine Praxis. Sie müssen so übersetzt und aufbereitet werden, dass sie im Alltag verständlich, anschlussfähig und handlungsleitend werden. Dabei unterscheidet sich die Kommunikation in der Pflege durchaus von anderen Berufsgruppen. Während ich ärztlichen Kolleg:innen Ergebnisse einer statistischen Auswertung häufig über Boxplots, Diagramme oder Kennzahlen vermitteln kann, braucht es in der Pflege oft andere und mehrere Zugänge zugleich. Die Aufbereitung ist dadurch nicht weniger wissenschaftlich, aber häufig komplexer: Man muss unterschiedliche Wissensstände, Alltagserfahrungen, Routinen, Teamdynamiken und praktische Umsetzbarkeit mitdenken. Genau darin liegt für mich der besondere Reiz. Es geht nicht nur darum, Wissen weiterzugeben, sondern Interesse zu wecken, Forschung greifbar zu machen und Kolleg:innen zum Nachdenken, Hinterfragen und Umdenken über bestehende Routinen anzuregen. Jedes Mal, wenn durch eine neue Erkenntnis aus der Forschung ein Gespräch entsteht, eine Praxis hinterfragt wird oder jemand sagt: „So habe ich das noch gar nicht betrachtet“, ist das für mich ein kleiner Erfolg.
Welche Fähigkeiten sollte man mitbringen, wenn man in der neurologischen/ neurochirurgischen Intensivpflege beziehungsweise in einem hochkomplexen klinischen Fachbereich tätig ist? Was unterscheidet diesen Bereich von anderen Stationen?
Vanessa Vater: In der neurologischen und neurochirurgischen Intensivpflege braucht es vor allem eine sehr präzise Beobachtungsgabe, klinisches Einschätzungsvermögen und ein gutes Verständnis für komplexe Zusammenhänge. Das Gehirn ist in vielerlei Hinsicht eine „Blackbox“: Veränderungen sind nicht immer unmittelbar sichtbar oder eindeutig messbar. Anders als in manchen chirurgischen Fachbereichen zeigt sich eine Verschlechterung nicht zwangsläufig äußerlich oder über einen einzelnen Laborwert. Oft sind es sehr feine Veränderungen in der Vigilanz, der Pupillenreaktion, der Motorik, der Sprache, im Verhalten oder in vegetativen Reaktionen, die frühzeitig erkannt und richtig eingeordnet werden müssen. Hinzu kommt, dass viele pflegerische und therapeutische Maßnahmen direkten Einfluss auf die neurologische Situation haben können. Elektrolytverschiebungen, Lagerung, Mobilisation, Beatmung, Sedierung, Schmerz, Hypo- und Hyperthermie oder Blutdruckveränderungen können sich auf das Gehirn und damit auf das Outcome der Patient:innen auswirken. Deshalb braucht es in diesem Bereich ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit, auch kleinste Veränderungen ernst zu nehmen und im interprofessionellen Team klar zu kommunizieren. Ein Hospitant sagte einmal zu mir, er könnte nicht auf einer Neuro-Intensivstation arbeiten, weil Fehler dort fatale Folgen haben können. Er meinte sinngemäß: Ein Herz, eine Leber oder eine Niere kann man unter bestimmten Umständen ersetzen, ein Gehirn nicht. Das ist sicherlich etwas zugespitzt formuliert, trifft aber einen wichtigen Punkt: In der Neurointensivpflege haben pflegerische Entscheidungen, Beobachtungen und Interventionen einen unmittelbaren Einfluss auf die Prognose und Lebensqualität der Patient:innen.
Sie verbinden wissenschaftliche Qualifikation mit klinischer Nähe zur Pflegepraxis. Inwiefern kommt diese besondere Rolle dem Behandlungsteam und den Patient:innen zugute?
Vanessa Vater: Meine Rolle lebt stark vom Austausch mit dem Team. Es ist ein Geben und Nehmen: Bedarfe, Ideen und Probleme erkenne ich einerseits durch meine eigene klinische Tätigkeit, andererseits aber vor allem durch die Erfahrung meiner Kolleg:innen. Ich habe 2017 mein Examen gemacht und bin seit knapp zwei Jahren auf der Intensivstation tätig. Kolleg:innen, die sich über zehn Jahre oder länger eine hohe Expertise in diesem Bereich aufgebaut haben, sind für mich und meine Arbeit deshalb enorm wertvoll. Um mir diese Expertise zu erarbeiten, brauche ich noch ein paar Jahre. Genau in dieser Verbindung liegt der Mehrwert: Die klinische Erfahrung des Teams trifft auf meine Kompetenzen im wissenschaftlichen Arbeiten, in der Bewertung und Erstellung von Evidenz und in der Implementierung von Veränderungen. Gemeinsam können wir bestehende Maßnahmen hinterfragen, Versorgung weiterentwickeln und pflegerisches Handeln stärker an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen ausrichten. Für Patient:innen bedeutet das eine evidenzbasierte Versorgung auf hohem Niveau. Für das Behandlungsteam kann meine Rolle unterstützen, Orientierung zu geben, neue Erkenntnisse aufzubereiten und Veränderungsprozesse strukturiert zu begleiten. Gleichzeitig ist mir wichtig zu betonen, dass solche Entwicklungen Zeit und Ausdauer brauchen. Veränderungen in der klinischen Praxis entstehen selten von heute auf morgen, oft dauert es Jahre.




