
Teil 2 – Berufsbilder in der NeuroIntensivmedizin

Die Pflege in der Neuromedizin ist anspruchsvoll, vielseitig und von engem Patientenkontakt geprägt. Im zweiten Teil unserer Berufsbild-Serie berichten zwei Expertinnen aus Freiburg, wie Auszubildende und Nachwuchskräfte auf der Neurointensivstation begleitet werden, welche Fähigkeiten gefragt sind und warum gerade kleine Veränderungen Großes bewirken können.
Teil 1 – Akademisierung in der Pflege – Erfahrungen einer APN Critical Care
Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Professor Matthias Klein, Präsident DGNI
Interview: Ausbildung in der Neurointensiv-Pflege
Einblicke in den Pflegeberuf in der Neuromedizin – In Freiburg arbeiten Pflegepädagogik und Fachpflege Hand in Hand
Irene Hiob
Pflegepädagogische Leitung
Susanne Restle-Scholz
Pflegefachliche Leitung
Ausbildung auf der NeuroIntensivstation hat viele wichtige Aspekte. In diesem Kurzinterview geht es um die Ausbildung zukünftiger Pflegefachpersonen sowie von Weiterbildungsteilnehmenden aus Sicht der Praxisanleitung. Hier sind einige interessante Einblicke von Irene Hiob, pflegepädagogische Leiterin, und Susanne Restle-Scholz, pflegefachliche Leiterin des Pflegedienstes an der Klinik für Neurologie und Neurophysiologie, Albert- Ludwigs-Universität Freiburg, in aktuelle Möglichkeiten, Pflegeauszubildende und Weiterbildungsteilnehmende gut auszubilden und in der Praxis zu begleiten, sowie besondere Schwerpunkte und Herausforderungen.
Welche Möglichkeiten gibt es, Pflegeauszubildende und Weiterbildungsteilnehmende gut auszubilden und in der Praxis zu begleiten?
Hiob / Restle-Scholz: In unserer täglichen Arbeit ist uns die qualitätsgesicherte Ausbildung und Begleitung von Pflegeauszubildenden sowie Weiterbildungsteilnehmenden ein Kernanliegen. Unser Konzept ist bewusst strukturiert aufgebaut und verbindet fachliche Entwicklung mit persönlicher Förderung. Ein wesentlicher Bestandteil ist unser Team aus fünf Praxisanleitenden sowie einer pflegepädagogischen Leitung. Platz für Austausch ist in wöchentlichen Treffen im Rahmen eines Reflexionskreises. Jede/-r Auszubildende und jede/-r neue Mitarbeitende erhält eine Praxisanleiter*in als feste Bezugsperson. Dadurch schaffen wir Kontinuität und ermöglichen eine individuelle Begleitung. Der Einstieg wird durch einen Willkommenstag erleichtert, an dem die Station, das interprofessionelle Team sowie zentrale Abläufe und die Ausstattung vorgestellt werden.
Worauf wird besonderer Wert gelegt?
Hiob / Restle-Scholz: Ein besonderer Fokus liegt auf praxisnahem Lernen. Unsere fachübergreifenden Lerninseln ermöglichen es, pflegerische Kompetenzen in unterschiedlichen Bereichen direkt aktiv anzuwenden und zu vertiefen. Ergänzend dazu führen wir regelmäßige Zielgespräche. Ein fünfphasiges Entwicklungsmodell sowie ein Netzdiagramm unterstützen uns dabei, den Lernstand transparent darzustellen und gezielt weiterzuentwickeln. Auch nach der Ausbildung bieten wir strukturierte Übergänge in den Beruf, beispielsweise über ein Traineeprogramm (Kennenlernen verschiedener Stationen mit intensivem fachlichem Input), ein „3+1-Modell“ (Pilotprojekt zur Fachweiterbildung Intensivpflege direkt im Anschluss der Grundausbildung) oder eine direkte Integration in das Team mit einer begleiteten Einarbeitungszeit von zwölf Wochen.
Wo liegen dabei die Schwerpunkte?
Hiob / Restle-Scholz: Ein besonderer Schwerpunkt liegt für uns auf dem Sammeln praktischer Erfahrungen und einer frühzeitigen Bindung an das Team und die Station. Gerade in der Neuromedizin ist die differenzierte Krankenbeobachtung eine Schlüsselkompetenz. Deshalb legen wir großen Wert darauf, neurospezifische Beobachtungsfähigkeit gezielt zu fördern und im Alltag immer wieder zu reflektieren.
Welche Herausforderungen ergeben sich möglicherweise im Alltag?
Hiob / Restle-Scholz: Im Alltag stehen wir vor verschiedenen Aufgaben und Anforderungen. Dazu gehört beispielsweise die Abstimmung der Dienstplanung mit den individuellen Ausbildungsbedarfen. Uns ist eine offene Fehlerkultur wichtig, die Kritikfähigkeit fördert und Entwicklung ermöglicht. Eine ruhige, offene und sichere Atmosphäre etwa in Feedbackgesprächen unterstützt dieses Ziel. Eine weitere zentrale Herausforderung ergibt sich aus den veränderten Rahmenbedingungen der generalistischen Pflegeausbildung. Sowohl die praktischen Einsatzzeiten im Krankenhaus als auch die theoretischen Inhalte in einzelnen Fachbereichen sind im Vergleich zu früher reduziert. Dadurch stehen weniger spezifische Lerngelegenheiten zur Verfügung, insbesondere in spezialisierten Bereichen wie der Neuromedizin. Umso wichtiger ist es, die vorhandene Praxiszeit gezielt zu nutzen, Lernprozesse bewusst zu strukturieren und Inhalte fokussiert zu vermitteln. Dies erfordert eine enge Begleitung, klare Anleitungssituationen sowie regelmäßige Reflexion, um trotz verkürzter und breiter angelegter Ausbildungsanteile den Lernprozess nachhaltig zu sichern und so eine hohe fachliche Qualität zu bieten. Durch das 5-Phasen-Modell in der Einarbeitung konnten wir Transparenz und Struktur deutlich verbessern und so uns den gestellten Anforderungen anpassen. Die einzelnen Phasen zielen darauf ab, immer mehr Selbstständigkeit zu erlangen, zu priorisieren und gesetzte Pflegeziele sicher zu erreichen bzw. im Verlauf neu zu evaluieren. Hier sehen wir uns in einem fortlaufenden Prozess der Weiterentwicklung, Anpassung und Neubewertung, der auch durch gesellschaftliche Veränderungen geprägt ist.
Was ist das Besondere an dem Pflegeberuf in der Neuromedizin? Was hat die Ausbildung jungen Menschen zu bieten?
Hiob / Restle-Scholz: Für uns zeichnet sich die Neuromedizin vor allem durch die besondere Nähe zum Menschen aus. Im Vergleich zu stärker technisierten Bereichen steht weniger die apparative Medizin im Vordergrund, sondern der direkte Patient*innenkontakt. Pflegende haben hier einen unmittelbaren Einfluss auf den Therapieverlauf und das funktionelle Outcome. Die Arbeit ist geprägt von enger interprofessioneller Zusammenarbeit und einem breiten Spektrum neurologischer Krankheitsbilder. Besonders faszinierend ist die Notwendigkeit, kleinste Veränderungen wahrzunehmen – sei es in der Kommunikation, der Bewegung oder der Wahrnehmung. Phänomene wie Aphasie, Neglect oder Dysphagie verdeutlichen die Komplexität neurologischer Erkrankungen und machen die Arbeit gleichzeitig anspruchsvoll und abwechslungsreich.
Welche Fähigkeiten sollten Pflegende im Neuro-Bereich mitbringen?
Hiob / Restle-Scholz: Aus unserer Sicht sind neben der fachlichen Kompetenz vor allem soziale Fähigkeiten entscheidend. Teamfähigkeit, Empathie, Geduld und ein echtes Interesse an der Persönlichkeit der Patientinnen und Patienten bilden die Grundlage unserer Arbeit.
Worauf wird schon in der Ausbildung Wert gelegt?
Hiob / Restle-Scholz: Die neurologische Pflege ist stark von interprofessioneller Zusammenarbeit geprägt. Offenheit für neue Therapieansätze sowie die Bereitschaft, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln, sind daher essenziell. Genau diese Kompetenzen fördern wir bereits gezielt in der Ausbildung, um Pflegende optimal auf die komplexen Anforderungen dieses Fachbereichs vorzubereiten.




