Kurzinterviews mit den DGNI Preisträgern 2026

Die DGNI hatte auch für dieses Jahr wieder mehrere Preise ausgeschrieben, mit denen herausragende Wissenschaftler und Forscher bei der ANIM 2026 geehrt wurden. Im Rahmen der feierlichen Preisverleihungen der DGNI wurden Prof. Dr. Patrick Schramm, Dresden sowie Dr. Stefan Wolf, Berlin, mit dem Neurointensivpreis der DGN und der DGNI ausgezeichnet. Dr. Tobias Mederer, Regensburg bekam den DGNI Nachwuchsförderungspreis und Prof.Dr. Ilko Maier, Göttingen, wurde mit dem DGNI Zukunftspreis geehrt. Jacqueline McFarland, Erlangen, erhielt den DGNI Pflege- und Therapiepreis. Ihre Arbeit zeigt eindrucksvoll, wie essenziell pflegerische und therapeutische Expertise für die Weiterentwicklung der Neurointensivmedizin ist. 

Außerdem wurden auf der ANIM 2026 in Dortmund sechs Posterpreise verliehen. Wir haben die Preisträger nach dem Hintergrund ihrer herausragenden Projekte gefragt und wollten wissen, wie sie das Preisgeld einsetzen und was ihre nächsten wissenschaftlichen Pläne sind.

Prof. Dr. Patrick Schramm, Dresden und Dr. Stefan Wolf, Berlin

Neurointensivpreis der DGN und der DGNI 2026

Herr Professor Schramm, für welche herausragende Forschung haben Sie den Preis bekommen?  

Prof. Dr. Patrick Schramm: Der Preis wurde für meine Arbeiten zum multimodalen Neuromonitoring in der neurologischen Intensivmedizin verliehen. Schwerpunkt lag dabei auf der zerebralen Homöosthase, die wir bei verschiedenen zerebralen und auch nicht-zerebralen Erkrankungen im Sinne einer klinischen Grundlagenwissenschaft untersucht haben. Hier konnten wir neue Erkenntnisse über das Ausmaß und den Verlauf einer Störung der zerebrovaskulären Autoregulation gewinnen. Weiterhin wurden Arbeiten zur inhalativen Sedierung von Patienten mit zerebrovaskulären Erkrankungen durchgeführt, welche zeigen konnten, dass die inhalative Sedierung mit Isofluran bei diesen Patienten keine negativen Einflüsse im Vergleich zur konventionellen intravenösen Sedierung mittels Propofol hatte. Auch wenn dafür nicht ausgelegt, zeigte sich ein Trend hin zu weniger Delir und einer geringeren Mortalität in der inhalativ sedierten Kohorte.

Was sind Ihre weiteren wissenschaftlichen Pläne? 

Prof. Dr. Patrick Schramm: Es sind Studien geplant, die aus den gewonnenen Erkenntnissen zur Störung der zerebrovaskulären Autoregulation nun das Konzept einer an den Status der Autoregulationsfähigkeit angepassten Hämodynamik auf die neurologische Erholung untersuchen. Das Prinzip eines optimierten mittleren arteriellen Blutdrucks konnte bei Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma schon einen positiven Einfluss auf das funktionelle Outcome zeigen, was wir nun in der neurovaskulär erkrankten Kohorte reproduzieren wollen. Auch der Einsatz der inhalativen Sedierung soll in Bezug auf die zerebrovaskuläre Hämodynamik weiter untersucht werden. Längerfristig ist eine multizentrische Studie zur Auswirkung unterschiedlicher Sedativa, insbesondere inhalatives Isofluran, auf Delir und Mortalität geplant, die dann im Rahmen des Ignite-Netzwerkes durchgeführt werden soll.


Herr Dr. Wolf, für welche wissenschaftliche Arbeit wurden Sie mit dem Neurointensivpreis der DGN und der DGNI geehrt? 

Dr. Stefan Wolf: Der Preis wurde verliehen für meine Arbeiten im Rahmen der EARLYDRAIN-Studie zur lumbalen Drainage bei der aneurysmatischen Subarachnoidalblutung. Kurz zusammengefaßt konnten wir zeigen, daß der frühzeitige Einsatz einer zusätzlichen lumbalen Liquordrainage bei Patienten mit Aneurysma-Blutung sowohl die kurzzeitigen sekundären Komplikationen durch Infarkte durch verzögerte zerebrale Ischämien verringert als auch das Langzeit-Behandlungsergebnis, gemessen mit der modifizierten Rankin-Skala verbessert. Neben dieser Arbeit sind eine Reihe von sekundären Analysen aus den Daten entstanden, zum Beispiel zur Volumenbilanz, zu Hämoglobinverlauf und Transfusionen, zu auftretenden Veränderungen der Körper-Temperatur und ihrer Bedeutung, zu Drainagemengen und Extremwerten des intrakraniellen Drucks, zur Notwendigkeit von ventrikuloperitonealen Shunts, und zum Fragenkomplex früher Komplikationen nach aneurysmatischer Subarachnoidalblutung und den Zusammenhang mit der Aneurysmaversorgung.

Wissen Sie schon, wofür das Preisgeld verwendet werden soll?

Dr. Stefan Wolf: Den Preis werde ich zum einen für ein Dankeschön an das lokale Pflege- und Ärzteteam mit ein paar ausgedehnten Frühstücken am Wochenende verwenden und zum anderen habe ich vor, hierfür neue Computer zur Datenaufzeichnung anzuschaffen, da die bisherigen, vorhandenen Rechner leider in die Jahre gekommen sind und durch ständige Verwendung auf Intensivstation am Patientenbett sehr in Mitleidenschaft gezogen worden sind.   

Was sind Ihre weiteren Forschungspläne?

Dr. Stefan Wolf: Pläne für weitere Forschung habe ich natürlich auch! Wesentlich erscheint mir hier, zum einen weitere, noch ausstehende Sekundäranalysen der EARLYDRAIN-Daten durchzuführen - zum Beispiel der Analyse des radiologischen Bildmaterials, soweit wir es erhalten haben, der endovaskulären Therapie bei Vasospasmus oder des durchgeführten Neuromonitorings mittels TCD und pbtO2. So wie es derzeit aussieht, könnte es lohnenswert sein, aus diesen Analysen die Hypothese für eine neue, prospektive Interventionsstudie abzuleiten und diese Studie durchzuführen. Insbesondere eine multizentrische Studie zur endovaskulären Therapie von verzögerten Perfusionsdefiziten in der Bildgebung steht tatsächlich im Raum - was hierfür fehlt, ist einfach Zeit zur strukturierten Planung, und dann natürlich Sponsoring. Hierfür komme ich gern, wenn wir das tatsächlich realisieren können, auf das Netzwerk der DGNI zurück.  

Jacqueline Mc Farland, Erlangen

DGNI Pflege- und Therapiepreis 2026

Die Neuro-Intensivstation des Uniklinikums Erlangen erhält den Preis für die erfolgreiche Einführung und nachhaltige Umsetzung der “Familienzentrierten Pflege”. Das Team entwickelte seit 2023 ein umfassendes Konzept, das Angehörige als zentrale Ressource in den Pflegeprozess einbindet. Dazu gehören unter anderem offene Besuchszeiten, strukturierte Angehörigengespräche, proaktive Telefonate, die Einbindung in pflegerische Maßnahmen, der Besuch von Kindern auf der Intensivstation sowie eine pflegerische präoperative Visite.

Frau McFarland, was bedeutet es für Sie und Ihre Arbeit, mit dem DGNI Pflege- und Therapiepreis ausgezeichnet worden zu sein? 

McFarland: Für die Etablierung dieses Projektes wurde ein hoher Aufwand betrieben und sehr viel Zeit investiert. Die Umsetzung bedeutete für unsere Kolleginnen und Kollegen viel Veränderung. Gemeinsam haben wir es geschafft, dass unser Konzept heute eine selbstverständliche Haltung geworden ist. Dies zeigt nicht nur einen starken Team-Zusammenhalt, sondern auch, dass die Idee und deren Verwirklichung, Familien in den Mittelpunkt zu stellen, eine wertvolle Ressource ist und letztendlich allen zugutekommt. Den Patienten und Patientinnen, Ihren An- und Zugehörigen und allen am therapeutischen Prozess beteiligten Berufsgruppen. Ich bin einfach wahnsinnig stolz darauf, ein Teil dieses engagierten Teams zu sein. An dieser Stelle möchte mich auch bei unseren Stationsleitungen und ehemaligen stellvertretenden Stationsleiter für deren Unterstützung und organisatorische Arbeit bedanken. Zudem hat es mich sehr gefreut, dass durch diesen Preis unser Engagement auch über das eigene berufliche Umfeld der Neurointensivstation am UK-Erlangen hinaus, gesehen und wertgeschätzt wird. 

Wie wird es nach dem Erfolg für Sie weitergehen? 

McFarland: Es laufen parallel bereits ein paar Projekte, die voraussichtlich in diesem Jahr vervollständigt werden können. Mal sehen, vielleicht kann ich da auf der ANIM 2027 ein bisschen mehr darüber erzählen.

Haben Sie konkrete Vorstellungen oder Ideen, wie Sie das Preisgeld nutzen möchten? Planen Sie eine Investition in Ihre berufliche Weiterbildung, in neue Projekte zur Weiterentwicklung der familienzentrierten Pflege, oder möchten Sie damit vielleicht ein Teamvorhaben auf der Neuro-Intensivstation unterstützen? 

McFarland: Wir planen derzeit eine Optimierung unseres Angehörigen-Bereichs und haben hier bereits einige Ansätze, bei denen das Preisgeld sicher hilfreich sein wird.

Prof. Dr. Ilko Maier, Göttingen

DGNI Zukunftspreis 2026

Herr Professor Maier, Ihnen wurde auf der ANIM 2026 der DGNI Zukunftspreis verliehen. Für welches Forschungsthema wurden Sie damit ausgezeichnet? 

Prof. Dr. Ilko Maier: Titel des Forschungsvorhabens: „Auf dem Weg zur hochindividualisierten Diagnostik und Therapie von Patient:innen mit schweren Schlaganfällen - der "Digital Stroke Twin"“ . Grundsätzlich geht es um die „in silico“ Darstellung und individualisierte Bewertung des zerebralen Blutflusses bei Patient:innen mit zerebrovaskulären Erkrankungen auf der Notaufnahme, der Stroke Unit und der neurologischen Intensivstation. Aufgrund der Variabilität der Anlage der intrakraniellen Gefäße und der Häufigkeit von arteriosklerotisch bedingten Verschlussprozessen der hirnversorgenden Gefäße ist die Optimierung der zerebralen Hämodynamik und auch die Therapieplanung mit den vorhandenen diagnostischen Methoden häufig limitiert. Deshalb arbeiten wir an einem digitalen Zwilling, an dem Einstellung des systemischen Blutdrucks und die Notwendigkeit sowie Planung kanalisierender Therapien durch Kombination physiologischer Parameter, dem neurovaskulären Ultraschall und computertomographischer-/magnetresonanztomographischer Gefäßdarstellung simuliert werden können. 

Wissen Sie schon, wie Sie den Preis einsetzen werden?

Prof. Dr. Ilko Maier: : Das Preisgeld soll insbesondere für die Finanzierung einer prospektiven Machbarkeitsstudie genutzt werden, bei der Patent:innen mit akutem Schlaganfall mit relevanten Verschlussprozessen der hirnversorgenden Gefäße individuelle systemische Blutdruckeinstellungen auf Basis von Simulationen des zerebralen Blutflusses erhalten. 

Was sind Ihre nächsten Vorhaben in diesem Bereich? Wie sehen Ihre zukünftigen Pläne aus?

Prof. Dr. Ilko Maier: Neben der Durchführung der oben erwähnten Studie möchten wir die Technik noch weiter verfeinern. Schritte hierzu umfassen die Hinzunahme von automatisierten Gefäßsegmentationen und Hirnvolumetrien, KI-basierter Vorhersage von Flussgeschwindigkeiten und Flussvolumina sowie die Hinzunahme der individuellen Herzfunktion (Ejektionsfraktionen, Aortenklappenfunktion etc). Ziel ist es, ein Tool in der akuten Schlaganfallversorgung zu etablieren, welches schnelle, präzise und modifizierbare Parameter der Hirndurchblutung liefert und zur individualisierten Therapieplanung- und Monitoring genutzt werden kann. 

Dr. Tobias Mederer

DGNI-Nachwuchsförderungspreis 2026

Dr. Mederer, welches ist Ihr herausragendes Forschungsthema, für das Sie den diesjährigen DGNI Nachwuchsförderungspreis bekommen haben?

Dr. Tobias Mederer: Der Preis wurde für das Projekt mit dem Thema „Point-of-Care Echtzeit-Sequenzierung von zellfreier DNA aus dem Liquor zum sensitiven Erreger-Nachweis bei EVD-assoziierten Infektionen“ verliehen. Bei Hirnblutungen und schweren Schädel-Hirn-Traumata ist häufig die Anlage eines Katheters notwendig, um Liquor nach außen abzuleiten und den Hirndruck zu kontrollieren. Eine Infektion dieser Katheter stellt dabei eine schwerwiegende Komplikation dar. Problematisch ist, dass sich der verursachende Keim oftmals nicht eindeutig nachweisen lässt. In der Folge müssen Patient:innen häufig über längere Zeit breit antibiotisch behandelt werden. Ein innovativer Ansatz, diese Problematik zu adressieren, besteht in der Analyse von zellfreier DNA, um den Keim schnell und sensitiv zu identifizieren.

Welche Überlegungen gibt es bei Ihnen, wofür das Preisgeld eingesetzt werden soll?

Dr. Tobias Mederer: Das Preisgeld soll zur Durchführung eines Pilotprojektes auf diesem Gebiet genutzt werden. Ziel dieses Projekts ist es, Infektionen der Ventrikel präziser zu diagnostizieren und antibiotische Therapien gezielter sowie personalisiert zu steuern. Es werden die Anschaffung eines Nanopore Sequenziergeräts und die Durchführung dieser hochmodernen Echtzeit-Sequenzierung von zellfreier DNA aus dem Nervenwasser finanziert. Diese sogenannte „Liquid Biopsy“ ermöglicht es, selbst kleinste DNA-Bestandteile von Krankheitserregern nachzuweisen. Durch eine bioinformatische Analyse können innerhalb von Stunden DNA-Bestandteile der zugrundeliegenden Keime nachgewiesen werden und liefern somit schnell Informationen zum Vorliegen einer Infektion.

Was sind Ihre nächsten wissenschaftlichen Vorhaben in diesem Bereich? Welche konkreten Pläne verfolgen Sie?

Dr. Tobias Mederer: Im kommenden Jahr planen wir bei ca. 20 Patient:innen eine solche Analyse durchzuführen. Anschließend sollen diese Ergebnisse mit weiteren Kooperationspartnern in einem größeren und multi-zentrischen Rahmen validiert werden. Längerfristig erhoffen wir die Etablierung dieses Verfahrens als klinisch einsetzbare Methode, um die Therapie von Liquorinfektionen effizient und personalisiert steuern zu können. Somit kann nicht nur die Behandlungsqualität verbessert, sondern auch die Belastung durch unnötig lange oder breit angelegte Antibiotikatherapien reduziert werden.

Prof. Dr. Patrick Schramm
Prof. Dr.
Patrick Schramm

Neurointensivpreis der DGN und DGNI 2026

Dr. Stefan Wolf
Dr.
Stefan Wolf

Neurointensivpreis der DGN und DGNI 2026

 Jacqueline McFarland
Jacqueline McFarland

DGNI-Pflege- und Therapiepreis 2026

Prof. Dr. Ilko Maier
Prof. Dr.
Ilko Maier

DGNI-Zukunftspreis 2026

Dr. Tobias Mederer
Dr.
Tobias Mederer

DGNI Nachwuchsförderungspreis 2026

Auch 2026 wurden auf der ANIM herausragende wissenschaftliche Leistungen in der Neurointensivmedizin ausgezeichnet. Fünf Preisträger*innen – vom Nachwuchs- bis zum Zukunftspreis – geben exklusive Einblicke in ihre innovativen Projekte: Von multimodalem Neuromonitoring über neue Therapiekonzepte bei Subarachnoidalblutung, modernste Liquid-Biopsy-Verfahren bis hin zum digitalen Zwilling für die Schlaganfallversorgung.